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Purzelbaum ade - oder: wird Selbst-Missbrauch normal?

November 1, 2017

 

Letztens fand ich in einem Artikel von Eunice Minford, einer befreundetet Ärztin aus Irland, folgenden Satz: „an abusive way of life is considered normal and a loving way of life is considered abnormal“ (1)  – was auf deutsch meint:

 

Selbst-Missbrauch ist mittlerweile eine anerkannte, als ‚normal’ bezeichnete Lebensweise und eine wertschätzende oder liebevolle Lebensweise wird als ‚unnormal’ gesehen’

 

- Und ich dachte erst mal, naja, das vielleicht etwas Übertrieben. 

 

Aber dann erinnerte ich mich an einen anderen Artikel, den ich kürzlich in einer deutschen Tageszeitung las und der bei mir ‚hängengeblieben’ war. Es wurde berichtet, dass die Kinderturnausbildung, sowie der allgemeine deutsche Sportunterricht eine Veränderung erfahren hat: die ‚Rolle vorwärts’, auch ‚Purzelbaum’ genannt, ist vielerorts aus dem Unterricht verschwunden.

 

Kein Purzelbaum mehr? Und warum?

Weil die Armkraft vieler Kinder nicht mehr ausreiche, um ihr hohes Körpergewicht zu halten. Damit steige die Gefahr, sich zu verletzen. Das solle vermieden werden.

 

Wie kommt das? Was hat sich verändert?

 

Einer KIGGS-Studie (2) zufolge hat sich die Zahl der Übergewichtigen Kinder in Deutschland in den letzten Jahren um 50% erhöht (verglichen mit 1985-1999). Die Zahl der unter Adipositas (Fettleibigkeit) leidenden hat sich sogar verdoppelt. Demnach ist momentan jedes 6.-7. Kind bis 17 Jahre übergewichtig, davon 6% adipös.

 

Laut Welt-Gesundheits-Organisation hat sich in der EU das Übergewicht in den letzten 20 Jahren Verdreifacht!

 

Was sind die Konsequenzen, neben der Tatsache, dass wir immer mehr zunehmen und unter Übergewicht leiden?

 

EINE Konsequenz von Übergewicht ist das erhöhte Risiko, folgende Erkrankungen auszubilden:

 

Diabetes, Bluthochdruck, Störungen des Stoffwechsels, Atemnot, Erkrankungen an Muskeln und Gelenken, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Erkrankungen der Gallenblase, sowie einige Krebsformen.

 

Meist geht Übergewicht auch mit hoher, psychischer Belastung einher, die z.B. zu Depressionen führen kann.

 

Eine weitere Konsequenz des vermehrten Übergewichts in Deutschland ist, wie bereits erwähnt: der Purzelbaum verschwindet aus dem Unterricht.

 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Übergewicht liegt nicht nur an ‚falschem’ Essen und mangelnder Bewegung. Ich habe mir mit ca. 26 Jahren viele Pfunde zugelegt, um mich zu schützen. Als ich später meine Ernährung umstellte, nahm ich zwar ab, aber immer nur bis zu einem gewissen Grad. Dann musste ich etwas Anderes in meinem Leben in Bewegung bringen, klären und verändern, bis das Abnehmen dann auch wieder in Bewegung kam. Ich habe Sicht- und Verhaltensweisen geändert, mich geöffnet, viel beobachtet und im Besonderen gelernt, die Emotionen Anderer weniger in mich aufzunehmen. Ich lernte, mehr Verantwortung über mein Leben zu übernehmen und habe mehr Selbstsicherheit und Vertrauen in mir aktiviert. Ich bin Achtsamer mit mir geworden, habe gelernt, die Signale meines Körpers wieder wahrzunehmen, zu verstehen und wertzuschätzen. Die Konsequenz daraus war: ich fand ganz natürlich zu einer zu mir passenden Ernährung und zu meinem normalen Gewicht zurück.

 

Ich habe Essen benutzt, bzw. missbraucht, um etwas Bestimmtes zu erreichen – von Betäubung über Belohnung bis hin zur Zurückhaltung meiner Schönheit – alles um mich zu schützen. Aber das funktioniert eben nur begrenzt...und machte mich am Ende unglücklich.

Meine Konsequenz war, einen Weg zu finden, mit den Herausforderungen des Lebens einen offensiven, verantwortungsvollen Umgang zu finden und Essen wieder zum Nähren meines Körpers zu nutzen, so dass ich fähig bin, zu tun was zu tun ist. Ich habe also geschaut, ‚wo kommt das her’, mein Gewicht, wozu ist es gut? Wozu benutze ich es? Meinen Selbst-Missbrauch leugnete ich nicht mehr, sondern nutzte ihn als Reflektion, um mich besser zu verstehen und Konsequenzen zu ziehen, die hilfreich und wirklich heilsam waren und sind.

 

Und da frage ich mich, ist die Konsequenz, auf bestimmte Übungen im Unterricht zu verzichten weil 15% der Kinder in Deutschland an Übergewicht leiden, eine heilsame? Was lernen wir daraus? Passen wir hier nicht die Lebens-Bedingungen unseren beschränkten Möglichkeiten an? Möglichkeiten die wir selbst aktiv gestaltet und beschränkt haben.

 

Versteht mich nicht falsch, ich bin jetzt nicht der größte Fan der Rolle vorwärts. Ich fand diese Turnübung immer unangenehm. Aber ich finde die Begründung, WARUM sie den Sportunterricht verlässt mehr als fraglich.

 

Wenn wir unsere Messlatte immer tiefer hängen, um darüber zu kommen, also unsere Werte den Gegebenheiten anpassen, die wir vorher verringert haben, verlieren wir dann nicht im Endeffekt haushoch?

 

Unserer Lebensweise folgen Konsequenzen und diese geben uns ein Feedback. Nutze ich dieses Feedback, um zu begreifen, tiefer zu verstehen, mich zu entwickeln und mehr zu entfalten oder benutze ich das Feedback als Anlass, meine Standards herunterzuschrauben und es mir „bequemer“ zu machen?

 

Diese Fragen kann sich jede und jeder selbst stellen, doch die Konsequenzen unserer Entscheidung, wie z.B. die Kosten, die Diabetes verursacht, hat unsere Gemeinschaft zu tragen. Dass Selbst-Missbrauch als normal gilt, verursacht Kosten für uns alle. Und das nicht nur auf finanzieller Ebene.

 

Es kostet uns unsere Integrität und unser Vertrauen in uns Selbst.

 

Es kostet uns unseren Selbstwert.

 

Wollen wir uns das wirklich weiter 'leisten'?

 

Von mir aus kann der Purzelbaum verschwinden, aber bitte nicht unsere 

Selbstachtung.

 

 

 

1) www.thesoulfuldoctor.co.uk

2)www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/Basiserhebung/Ergebnisbroschüre.pdf?__blob=publicationFile

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